Frei werden

Was ist der Sinn des Lebens? Warum bin ich hier?

Solche Fragen stellen sich unwillkürlich. Unwillkürlich. Ja, man kann sie betäuben und verdrängen mit und ohne Bier. Doch sie kommen wieder. Und wenn sie nicht mehr kommen, existierst du nicht mehr in gewissem Sinn. Das kann die Lösung sein. Man hat sich aufgelöst schon vor dem Tod. Man ist kein Ort, kein Zentrum mehr. Nur noch Attribute und Akzidentien. Doch dann ist das Bewusstsein Sklave der Attribute und Akzidentien. Du funktionierst als Spielball der Bedingungen. Die Möglichkeit des menschlichen Geistes wurde verspielt. Und der Tod nimmt nichts mehr Wesentliches.

Vielleicht suchst du aber nach einer Antwort. Und bekommst viele. Religion und Philosophie sind voll davon. Du kannst tausend Bücher lesen und kriegst Millionen Antworten.

Doch, man soll schon lesen. Sich orientieren über mögliche Antworten. Aber irgendwann ist auch genug. Dann musst du die Antwort in dir selbst finden. Du brauchst dazu nicht jahrelange, übende, stufenweise raffinierter werdende Meditationspraxis nach irgendeiner komplizierten Anleitung, die dich zunächst mal zum spirituellen Deppen stempelt. Die Antwort kriegst du vergleichsweise einfach.

Nimm dir Zeit dafür. Das ist das Geheimnis. In fünf Minuten wacht man nicht auf. Wenn du diese Zeit hast, entferne dich vom Überflüssigen, von Begriffen und Dingen, die dir anhaften, dich aber nicht ausmachen. Dann knöpfe dir deine Attribute vor. Das Wesentliche an dir. Weg damit – für eine Weile. Dein Beruf zum Beispiel. Manchmal scheinst du nur noch dein Beruf zu sein. Jetzt leg ihn ganz zur Seite. Deine Art, wie du auf bestimmte Provokationen reagierst. Immer dasselbe. Eine getriggerte Reaktion. Du kennst sie, wenn du ehrlich bist. Zur Seite damit. Deine Argumente. Zur Seite. Und so weiter. Bis du wirklich ganz nackt bist. Das ist nicht einfach. Deine Attribute schreien nach dir.

Was ist der Sinn des Lebens? Warum bin ich hier? Jetzt mutieren die Fragen: Wer bin ich? Wer ist ich? Was ist ich? Was ist? Es geht um den Ort, wo dein Bewusstsein stattfindet, dein Zentrum. Die Fragen zuvor scheinen existentiell, drehen sich aber mehr um deine Attribute und deine Peripherie (Was ist meine Aufgabe im Leben? zum Beispiel).

Wenn die Eigenschaften aus dem Weg geräumt sind, dann bist du leer. Auch das ist Wirklichkeit. Jetzt siehst du: Deine Substanz, dein Ich, das sind nur deine Attribute, dein Funktionieren in der Welt, dein Verzahnt-sein in der Welt, der Austausch mit der Welt, Gespräche und Stoffwechsel. Aber jetzt bist du leer. Reines Bewusstsein, zwecklos, ziellos, sinnfrei. Da gibt es kein reines Ich, kein verborgener Homunculus. Das war die Illusion.

Ein Gefühl der Leere sei ein Symptom einer Krankheit, die Borderline-Persönlichkeitsstörung genannt wird. Was für ein Irrtum. Das Leiden an dieser Leere kann zwar ein Symptom sein. Wenn du der Leere bewusst begegnest, können sich Angst, Leid, Deprimiertheit, Glück, Freude, ja jegliches Gefühl entladen. Was sagt das dir jetzt? Schnell zurück zu meinen Eigenschaften, Funktionen und Nebensächlichkeiten, damit ich mich wieder spüre und den Spuk vergesse? Vielleicht.

Vielleicht kommst du auch wieder an den reinen Ort, wo nichts ist, außer der Wahrnehmung des Nichts? Vielleicht verändert es dich. Vielleicht kannst du ruhiger werden. Dem verrückten Funktionieren in der Welt eine Portion Gleichmut entgegenhalten. Und anderes. Das hängt nun von deiner Freiheit ab.

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17 Gedanken zu “Frei werden

  1. Heh fantastisch! Da bricht gerade jemand durch die Decke des Verstehens. Entspann dich einfach und es geschieht. Wie entspannen? Es sind die Augen, mit denen du die Welt berührst. Schau, doch berühre nichts und du bist frei. Es ist der Blick der nicht greift. Wenn du fällst wirst du erst sehen und später vielleicht verstehen. Vielleicht, aber das ist nicht wichtig. Viel Glück! ruwenda

  2. Lieber Tom,
    ich habe mir diese Fragen nie ernsthaft gestellt: „Was ist der Sinn des Lebens? Warum bin ich hier?“ Ich finde sie albern. Und zwar finde ich sie insofern albern, als sie ja eigentlich eine falsche Antwort schon implizieren: „Ich bin hier, weil es einen Sinn gibt, und der Sinn ist, dass ich ich bin!“ Ich finde, diese Fragen, die sich so demütig geben, sind das Hochmütigste überhaupt! Wer bin ich denn, dass ich ein Anrecht darauf hätte, nach dem Sinn meiner Existenz zu fragen? Es ist eine bürgerliche, es ist wahrscheinlich eine Arschloch-Frage. In ihnen liegt für meinen Geschmack zu viel falsche Sehnsucht. Als hätte ich Ansprüche! Habe ich Ansprüche? Leider nicht. Ich habe nur Hoffnungen. Die Frage allerdings, warum ich Hoffnungen habe, kann ich leicht beantworten: Weil sonst alles VOLLENDS unerträglich wäre!
    Woran ich mich sehr gut erinnere, ist ein Schwindelgefühl bei dem Gedanken an die Unermesslichkeit des Universums. Vor allem schockierte mich die Vorstellung, wie viel QUAL und VERHÄNGNIS, wie viel unverdientes LEID, wie viel HÖLLE da draußen noch warten!
    Richard Rorty hat als Minimalkonsens, auf den sich alle Menschen verständigen können, vorgeschlagen: Dass niemand unnötig leide. Das finde ich grandios. Das ist eine Art von Buddhismus, die ich auch als fleischfressende Pflanze akzeptieren kann.
    Dein Bob Macha

    • Ich habe zwar Zweifel ob des Prädikats „bürgerlich“, aber immerhin, das wirst Du zugeben müssen, ist es eine, die die ganze wahnhafte Betriebsamkeit um einen bloßzulegen vermag. Das ist immerhin etwas.

  3. Lieber Bob
    Könnte es sein, dass unsere Standpunkte gar nicht so verschieden sind? Wer die naiven Fragen, die die Welt einem natürlich zuwirft, als albern zurückweist, hat sie schon für sich beantwortet, auf seine Art. Ansprüche an die Welt hab ich auch nicht. Wo könnte ich diese anmelden? Ich habe so etwas wie Ansprüche an mich selbst in moralischer Hinsicht. Diese bringst du ja auch ins Spiel via Richard Rorty, dessen Anspruch (!) ich natürlich unterschreibe. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich Rorty nicht kenne. Ich lese überhaupt nur punktuell, das was mir gerade in den Kram passt. Das kann man mir vorwerfen, meinetwegen lauthals mit Sensurround-System, denn es stimmt.

    Wenn ich aber in Wiki nachschaue, was er drauf hat, so komme ich auf die irritierenden Stellen: „Aus Sicht der Philosophie des Geistes vertrat Rorty einen Eliminativismus, der besagt, dass es keine mentalen Phänomene gibt.“ – „Rorty zufolge bestehe keine Notwendigkeit, davon auszugehen, dass es außer sensorischen Impulsen und den Ergebnissen neurophysiologischer Verarbeitungsmechanismen so etwas wie Mentales gäbe, das unsere Wahrnehmung vermittelnd gestalte.“ Das ist zwar absolut hip. Daniel Dennett sagt dasselbe (und den kenne ich ein bisschen). Aber dann wären wir alle Zombies. Es gäbe keine Erste-Person mehr. Kein Bewusstsein. Nur noch Steine oder Scheiße oder Zombies. Nö. Dennett hat sich wirklich nicht entblödet, den Satz zu formulieren: „Woher wissen Sie, dass Sie kein Zombie sind?“ Den Satz hatte ich monatelang auf der Sidebar meines früheren Blogs und keiner hat gesagt, was ist denn Dennett für eine bewusstseinsparadoxe Maschine? Gut, das war Höflichkeit… 😉
    LG Tom

  4. Lieber Tom,
    Rorty hat sich mir in „Kontingenz, Ironie und Solidarität“ als höflicher, einfühlsamer, ironischer Autor präsentiert. Dass man auch aus einem solchen akademische Tubenscheiße machen kann, die jemand ins Internet schmiert … ich lese auch nur, was mir vor die Nase fällt. Und immer öfter nicht einmal das!
    Daniel Dennett z. B. finde ich etwas ZU richtig. Das wäre mein Argument gegen ihn. Meme, ja schön, mag sein. Meme. Aber was ist damit gewonnen, wenn ich eine blöde Idee als „Mem“ bezeichne? Ne Menge Anzeigenkunden, ein Auftritt bei so einem hippen Westküstenevent mit lauter anderen Blitzgescheiten – das ist die Antwort.
    Unsere Positionen sind definitiv nicht weit voneinander entfernt. Allerdings stellt diese Aussage keinerlei Eingemeindungsinitiative dar. Jeder soll auf seine eigene Art zur Hölle fahren.
    Dein TEDdy

  5. Lieber Blogo
    „Die Frage allerdings, warum ich Hoffnungen habe, kann ich leicht beantworten: Weil sonst alles VOLLENDS unerträglich wäre!“ – Ich kenne deine Hoffnungen nicht. Vielleicht sind sie schon Antwort auf das, was ich mit meinem Beitrag meinte? Leer werden = frei werden, frei für etwas, wofür ich mich bewusst entscheiden kann. Dann erst. Oder sind deine Hoffnungen noch verstrickt mit Zugewiesenem, nenn es Meme oder wie auch immer, was aus dem ganzen Betrieb auf uns einstürmt? Damit das Absurde draußen bleibe? Na, du weißt es ja.
    LG Tom

  6. Liebe Dosenbiergemeinde,

    Sie erreichen das Ende des Internets, die Quasselbude ist zerredet, alle Sinngebungsszenarien aufgehoben – der desorientierte Herr im Bademantel taumelt schon bedenklich und möchte dem Blogo ob dieser Sätze: „Wer bin ich denn, dass ich ein Anrecht darauf hätte, nach dem Sinn meiner Existenz zu fragen? Es ist eine bürgerliche, es ist wahrscheinlich eine Arschloch-Frage. “ am liebsten um den Hals fallen, so dass sich jener mühsam dieser Beifallsbekundung entwinden muss. „Isch schchreib dir ’nen neuen Vergil, komplett in deine Kommentare“, lallt er begeistert und man weiß nicht, ob es eine Drohung ist.
    Doch verlassen wir für einen Augenblick unsere Helden und wenden uns drängenderen Fragen .. nicht zu. Denn es gibt sie nicht.

    Mit bestem Gruß,
    Phorkyas

    PS. Party anyone? – Unsere Boyband könnte doch bald mal wieder auftreten: Serj Tankian – Blogo (Descartes-Gedächtnisfrisur), Daron Malakian – Phorky (irrer Blick?), Shavarsh „Shavo“ Odadjian -tom (Buddhist mit Bart?) – nur den Flötisten Mete haben sie nicht mit auf’s Bild bekommen, die Säcke: http://www.youtube.com/watch?v=w00v2zVkX9g

      • @tom: dass ich auch noch aus der imaginären Alkoholsucht mich befreien könnte? Nein, ich würde meine dreckigen Dosen hier nicht herumwerfen wollen, vielleicht als silbern-blinkendes Schiff durchs Schilf ins Endlose treiben lassen..

        Was Blogos Hoffnungen sind? Ich schiele ja auch noch auf das „(Meister-)Werk“ – glaube aber kaum noch, dass es Erlösung geben könnte, aber es sollte wie Tony Montana vielleicht nen guten Abgang machen, während es zur Hölle fährt.

  7. Pingback: Zur Verteidigung der Frage nach dem Sinn und dem Ich « Makulatur

  8. Auch wenn ich derzeit in gewissem Sinne zu meinem „Ich“ zurückkehre, kann ich dir zustimmen, lieber Tom.

    Vermutlich habe auch ich mir die Sinnfrage in meinem Leben schon gestellt, aber ich kann mich daran nicht erinnern. Ich wüsste auch nicht, ob ich mich schon mal gefragt habe, „wer ich eigentlich sei“. Im Gegenteil: Diese Frage hat mich immer gestört, wenn sie jemand für sich stellte. Heute finde ich diese Fragen interessant, allerdings nicht auf meine Person bezogen. Was die Menschen mit diesen Fragen anfangen, ist spannend (Auflösung, Negation, Beantwortung, …).

    • Ich mache die Erfahrung, dass viele Menschen darüber sprechen, schreiben, nachdenken. Über diese „Sinnfrage“. Das scheint mir schon relativ natürlich zu sein, da wir in einer Kultur leben, die in dieser Hinsicht wenig Unterstützung bietet. Kaum mehr Leitplanken bzw. Denkhilfen. Da stellt sich einem Jugendlichen eben die Frage, soll ich jetzt auch an dieses Casting, soll ich mich dort vor geiferndem Publikum zum Affen für eine Geldmaschine machen lassen. Und wenn nein, was dann. Wofür lohnt es sich denn zu leben. Kann das Leben überhaupt einen Sinn haben. Die Fragenspirale mündet doch schnell vom konkreten Wahnsinn auf die existentiellen Fragen, weil es dazu keine Patentantworten und auch kaum mehr vorgefertigte, glaubwürdige Scheinantworten gibt. Die, die sich wirklich nicht fragen, das sind diejenigen, die den Affen mit Begeisterung machen. Sofern sie Erfolg haben, sind sie auch glücklich in ihrem Funktionieren und bei diesen Wenigen wäre es auch okay, falls sie nicht gnadenlos die Konkurrenz aus dem Weg räumen. Ich würde einfach mal die Behauptung wagen, wenn ich diese ganze Sinnfrage wirklich mal zulasse und erwäge, dann kann mir das ein Fensterchen öffnen. Freiheit ist ein großes Wort. Vielleicht würde Autonomie reichen. Und Stefan, dein ganzer Blog umgarnt und durchdringt doch auch die Sinnfrage, auch wenn sie nicht direkt angesprochen wird.
      LG Tom

    • Lieber Stefan

      Die Antwort des Mystikers, in seiner Gewissheit verweilend?

      Abgesehen von Unterschieden zwischen dir und mir in der begrifflichen Ausgestaltung spiritueller Erfahrung mangelt es mir schon auch an solcher Gewissheit. Das Wort Glauben kommt mir sogar nur mit Widerstand über die Lippen. Der Missbrauch jener, die die Gutgläubigkeit ihrer Schäfchen auszunutzen verstehen, war und ist für mich einfach zu groß. Ich bin eher der Skeptiker, der sich über die Gewissheit anderer wundert – aber sie auch darum beneidet. Skeptizismus kann einem vom Leben, vom Bejahen, vom Vertrauen in andere weit entfernen.

      Aber zurück zu deiner Frage: Ich kann zig Beiträge auf deiner Seite aufrufen, um die Antwort des Mystikers zu erhalten. Z.B. hier sehr schön: Wenn wir über eine Amöbe staunen, welches Wunder der Schöpfung sie doch ist, dann liegt das Staunen nur in uns selbst. Es ist unser Geist, der ihr Dasein zu einem Wunder macht. Wenn wir den göttlichen Funken in einem Menschen durch dessen Liebe oder Gutsein erkennen, oder wenn wir den göttlichen Funken in der Natur durch ihre Ästhetik erkennen, dann spiegeln wir letztlich nur den göttlichen Funken in uns selbst.

      Was ist der Sinn des Lebens? Erkenne deine Göttlichkeit, die sich im Erkennen des Guten und des Schönen da draußen spiegelt. Dann erübrigt sich die Frage allerdings. Sinn wird zur falschen Kategorie, dem Göttlichen nicht innewohnend.

      Das habe ich oben im Beitrag auch versucht zu zeigen: Wirf alles ab, was auf irgendeinen Sinn hinarbeitet, leg deine tollen Ziele zur Seite und sieh, was wirklich ist. Dem einen ist es Gott oder reines Bewusstsein, dem andern bloß ein Endorphinschub, einem Dritten wird das zu viel/zu wenig und er suizidiert sich. Letzteres wohl kaum. Es sind doch eher die realen Frustrationen im Daseinskampf, die jemand soweit bringen, möglich dass diese Frustrationen mit der Sinnlosigkeit des Daseins verbrämt werden.

      Nochmals, ich beneide dich um deine Gewissheit.

      Liebe Grüße
      Tom

      • Irgendwie, lieber Tom, ist das eine schöne Antwort…

        Ich vermute, dass dies: „Dann erübrigt sich die Frage allerdings. Sinn wird zur falschen Kategorie, dem Göttlichen nicht innewohnend.“ genau richtig ist.

        Ein Skeptiker bin ich allerdings auch. Meine durchlebten Dekonstruktionen beruhten ja darauf. Allerdings konnte der Skeptizismus keine Lebensgrundlage sein (wie du ja selbst andeutest), Glaube hingegen schon. Du weißt ja um meine Rede von Mystik als Glaubensform (soweit sie über die nackte Erfahrung ohne jede Deutung hinausgeht), von daher würde ich „Gewissheit“ lieber durch „Vertrauen“ ersetzen. Das wäre dann so etwas wie ein Synonym zu „glauben an“. Dieser Glaube begann mit einer Entscheidung, und diese Entscheidung muss immer wieder mal erneuert werden…

        Meinen Dank, und liebe Grüße an dich.

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